Gewalt an Kindern: Interview mit Silvia Streifel

Ellen Girod hat auf ihrem Blog „chezMamapoule“ eine Blogparade gestartet: #niemalsGewalt! Sie und wir alle die mitmachen, wollen aufrütteln und etwas bewegen, weil in der Schweiz Gewalt in der  Erziehung immer noch zugelassen ist. Erwachsene dürfen keine Gewalt ausüben – ausser sie geht gegen die eigenen Kindern – so grob könnte man unsere Gesetzgebung momentan umschreiben.

Bitte!!

  • Höre dir das Interview an oder lies die Kurzfassung unter dem Video!
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  • Teile Beitrag und Petitionslink in deinem Umfeld!

Danke!


Liebe Silvia, schön bist du da, ich danke dir! Silvia, ich verfolge dich schon seit längerer Zeit auf deiner Seite silvia-streifel.de mit dem schönen Thema:

Eigen-Sinnige Kommunikation für Mütter!

Stell dich doch bitte meiner Leserschaft hier vor, wer du bist, wo du wohnst, was du genau machst in deinem Mamabusiness!

Ich bin Silvia Streifel, lebe mit Mann, 3 Kindern (2, 7, 9) und Hund in mittelfränkischer Kleinstadt zwischen Nürnberg und Würzburg.
Ich gebe schon seit vielen Jahren Kommunikationstraining und habe mich nun spezialisiert auf Mütter  derzeit ausschließlich online (Programme, Kurse, Coaching per Skype)
Meine Botschaft an die Mütter ist: Wir sollten Pippi Langstrumpf sein in unserem Alltag. Sie ist ein Freigeist die tut was sie will, dabei sehr liebevoll und sensibel im Umgang mit ihren Liebsten ist. Ich will diese Leichtigkeit vermitteln und mein Werkzeug dabei ist die Kommunikation. 

Danke Silvia! 

Lass uns heute in diesem Interview von Mamis sprechen die das auch nicht gut finden, die wissen, dass gegen Kinder keine Gewalt ausgeübt werden soll und darf. Mamis, die den Klapps auf den Hintern nicht als Erziehungsmassnahme verstehen und ihre Kindern nicht regelmässig an den Haaren oder Ohren ziehen weil das noch niemanden geschadet hätte und trotzdem - aus Ohnmacht, aus Hilflosigkeit, aus Überforderung dann doch mal auf eine Gewaltanwendung ausweichen. Ich habe im Vorfeld mit ein paar solcher Mamis gesprochen und diese schauten mich mit grossen Augen an und sagten: Weisst du, ich fühle mich dann schon schlecht genug, wenn ich dann noch Angst vor einer Strafanzeige haben muss, weil der Nachbar oder halbes Dorf im Dorfladen zugesehen hat, hilft mir das nicht wirklich. 

Silvia, ich weiss, du bist nicht Anwältin,  und ich weiss nicht wie das Gesetz genau formuliert werden soll, aber in Deutschland ist das Gesetz in Kraft. Du bist mit sooo vielen Mamis im Kontakt. Hast du Erfahrung damit wie das im Alltag abläuft? Mit Anschwärzungen, Anklagen und ähnlichem? Ist das ein Thema?

Die Mütter, mit denen ich bei meiner Arbeit zu tun habe, sind größtenteils sehr reflektiert. Wut und Aggression den Kindern gegenüber ist natürlich trotzdem Thema. Dass sich Mütter gegenseitig dafür verurteilen erlebe ich weder in meiner Arbeit noch privat. Da ist ganz viel gegenseitiges Verstehen. Was ich in den sozialen Medien jedoch schon wahrnehme, ist, dass sich Mütter ständig wegen irgendwas gegenseitig verurteilen.

Was ist denn die Grenze von Gewaltanwendung für dich? Also körperlicher Schmerz zufügen ist ja klar, aber nicht zu unterschätzen ist ja auch die seelische Gewalt! Wie denkst du darüber?


Da gibt es für mich keine klare Grenze. Da spielen so viele Faktoren rein. Wenn mein Mann unserem Sohn im Spaß in den Bauch boxt, empfinde ich das irgendwie schon als Gewalt. Würdest Du meinen Sohn fragen, ist das für ihn die wunderbarste Liebesbezeugung, wenn sein Papa mit ihm kämpft - selbst wenn es mal zu Tränen kommt, weil ein kleiner Unfall passiert.
Wenn ich unseren Sohn bestrafe, weil ich mir gerade nicht anders zu helfen weiß, dann ist ihm das in der Regel völlig schnuppe. Wenn mein Mann oder ich jedoch seine Meinung nicht anhören und gelten lassen, dann treibt ihn das in Verzweiflung. Würden wir das regelmäßig und vorsätzlich mit ihm machen, würde ihn das brechen. Da bin ich sicher. Das wäre Gewalt!

Ich habe zu dem Thema mal was interessantes gelesen (weiß leider nicht mehr wo): In Gesellschaften, wo es üblich ist, Kinder körperlich zu bestrafen, ist das für die Kinder viel weniger traumatisch, wie in Gesellschaften, wo es nicht üblich ist. Die Stigmatisierung und wahrscheinlich auch die innere Haltung der Eltern beim Ausüben körperlicher Gewalt ist also ein großer Anteil am Schmerz. Das fand ich spannend. Und das spricht dafür, dass die seelische Komponente auch bei körperlicher Gewalt das entscheidende ist.

Dennoch ist und bleibt natürlich alles Gewalt, wo ich einem anderen Menschen willentlich Schmerzen zufüge - körperlich oder seelisch. Und unser höchstes Ziel ist gerade als Eltern, ohne auszukommen.

 

Hast du Tipps wenn ich ein öfters laut werde, schreie, was ja ein Ausdruck verbaler Gewalt ist, oder?

Wir brauchen nicht daran zu arbeiten nicht laut zu werden, sondern an der Art und Weise. Es herrscht dann gerade viel Tumult im Inneren und die momentan bevorzugte Strategie ist eben, diesen Tumult nach draußen zu schreien. Das ist in Ordnung und an sich noch keine verbale Gewalt. Da kommt es auf die Wörter an.

Einfaches Beispiel: Kind stößt Glas um, Saft auf Tisch und Boden, Scherben dazwischen und das nach einem anstrengenden Tag.

Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich schreie: “Kannst Du nicht aufpassen, musst Du immer alles kaputt machen? Du treibst mich noch in den Wahnsinn mit Deinem Gehampel. Verschwinde aus meinem Blickfeld, bevor ich noch…”
oder “Verdammte Sch…, ich wollte jetzt endlich in Ruhe Essen und jetzt ist da so eine Sauerei am Boden! Ahhhhhh….”

Das Schreien zu unterdrücken und zähneknirschend sauber zu machen, den restlichen Abend schlechte Laune zu haben - das ist viel mehr Gewalt - an uns selbst und auch an den Kindern. Die merken das ja eh und können mit so unterdrückter Wut viel weniger anfangen und fühlen sich schlecht.

Aber im Alltag, manches Mal an der Grenze zur Überforderung ist es oft nicht so einfach. Man ist ab und zu soooo ohnmächtig und weiss sich nicht anders zu helfen als dieses „ohne Macht“ zu sein mit einer übertriebenen Machtdemonstration, einer Tätlichkeit gegen das Kind zurückzuholen.

Silvia, warum denkst du, ist es so, dass Eltern immer wieder mal die Hand „ausrutscht“? Was kommt zu der Überforderung noch dazu??

Die Überforderung ist glaube ich nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. So paradox es klingt: Ich denke, es ist die grenzenlose Liebe zu unseren Kindern, die unsere schlimmsten Seiten zum Vorschein bringt.

Ich glaube, ich bin bevor ich Kinder hatte noch nie in meinem Leben einem anderen Menschen gegenüber laut geworden. Ich bin ein sehr relaxter Typ und habe in meinem Elternhaus auch gelernt, konstruktiv über Dinge zu sprechen.

Seit ich Mutter bin, passiert es mir immer wieder, dass ich mal schreie oder die Kinder sogar unsanft am Arm packe.

Stopp - jetzt fällt mir ein - nicht erst seit ich Kinder habe. Ein paar Jahre vor den Kindern zog eine Hündin bei uns ein. Die hat mich auch schon zum Schreien gebracht. Und zwar immer dann, wenn ich Angst um sie hatte, sie zum Beispiel weglief oder andere Hund angriff.

Bei Kindern ist es glaube ich auch oft Angst, die so markerschütternd ist, dass wir sie lieber mit Wut verdecken. Das ist das eine. Diese kleinen Menschen sind uns wichtiger als unser eigenes Leben und deshalb haben wir so oft Angst, etwas könnte ihnen schaden.

Das andere ist, dass uns unsere Kinder näher sind, als jeder andere Mensch zuvor - ausgenommen vielleicht unsere eigenen Eltern. Deshalb berühren sie Anteile in uns, die wir selbst noch nicht oder nicht mehr kennen. Das tut oft weh. So weh, dass wir um uns schlagen, um uns zu schützen.

Je nach eigener Verfassung (Schlafmangel usw.) kommt die eigene Wut manchmal relativ rasch und unkontrolliert hoch. Was kann ich konkret tun wenn ich merke, dass ich nur so überschäume vor wütendem Adrenalin in mir?

Atmen. Innehalten. Wahrnehmen. Willkommen heißen. Eventuell aus der Situation gehen. Beobachten.Vorbeiziehen lassen.

“Atmen. Ah, da ist sie wieder, diese Wut. Atmen. Hallo Wut, es ist in Ordnung, dass Du da bist. Atmen.  Das kribbelt bis in die Fingerspitzen. Atmen. Gleich explodiere ich. Atmen. Jetzt verkrampft sich mein ganzer Rücken. Ich geh stecke mal lieber den Kopf aus dem Fenster. Atmen. Jetzt kann ich die Muskeln im Rücken schon lockerer lassen. Atmen...

Wie kann ich mich als Mama stärken, dass mir das nicht passiert? Die eigenen Kinder wissen ja haargenau wie sie einen auf die Palme bringen können. Wie kann ich kommunizieren wenn ich sehe, höre oder merke, dass mein Kind ungehorsam ist, frech ist oder etwas Unerlaubtes getan hat?

Ich glaube ja, dass unsere Kinder uns lieber bei sich auf der Erde haben, als auf der Palme. Kinder leben, sie forschen, lernen, spielen, genießen. Dabei tun sie nun mal Dinge, die uns nicht in den Kram passen. So einfach ist das.

Und so einfach können wir das auch kommunizieren. “Ich will nicht, dass Du mich Arschloch nennst. Wenn Du solche Wörter sagen willst, dann sag vorher bescheid. Ich geh dann lieber raus.” oder “Hier liegen überall Bonbonpapierchen. Ich fürchte, Du hast Bonbons genascht, obwohl ich Dich gebeten hatte bis nach dem Essen zu warten. Das ärgert mich gerade ziemlich!” Wahlweise auch schreiend ;-)  “Eeyyyy, wenn Du solche blöden Wörter unbedingt sagen musst, geh gefälligst in Dein Zimmer. Ich will das nicht hören!” oder “Verdammt nochmal! Gleich gibt es Essen. Woher kommen die Papierchen?”

Als Eltern fühlt man sich schlecht wenn Gewalt gegen das eigene Kind passiert ist und Schuldgefühle plagen einen – oder zumindest die Meisten. Wie kann ich mit meinen Gefühlen konstruktiv umgehen, wie kann ich mit mir reden, damit ich mir wieder in die Augen schauen kann?

Gleiches Rezept, wie beim Umgang mit Aggressionen: Atmen. Innehalten. Willkommen heißen. Beobachten. Vorbei ziehen lassen.
Und sich immer wieder bewusst machen, dass der Elternjob der anspruchsvollste überhaupt ist.

Wie kann ich dem Kind gegenüber wieder in die Augen schauen nach einer Tätlichkeit, wie kann ich das Gespräch mit dem Kind wieder suchen…auf welche Wortwahl soll ich achten, was soll ich ihm sagen?

Benennen, was aus meiner Sicht geschehen ist. “Vorhin habe ich Dich so kräftig an den Armen gepackt, dass es Dir weh getan hat.”

Vielleicht nachfragen, wie es dem Kind damit geht. Linderung anbieten. “Kann ich etwas tun, damit es Dir besser geht?”
Das Gefühl benennen, dass ich jetzt damit habe. “Ich bin so traurig, dass ich das getan habe. Ich wünschte, es wäre mir gelungen, anders zu reagieren.” Sagen, was ich daraus gelernt habe. “Wenn ich mich das nächste Mal so ärgere, werde ich lieber aus dem Raum gehen, bevor sowas nochmal passiert. In Ordnung?”

Bitte nicht entschuldigen. Das bringt das Kind in Zugzwang und verschiebt die Verantwortlichkeit.

Was kann ich als Ausstehende tun wenn ich mitbekomme dass einem Kind Gewalt angetan wird? Soll, muss ich reagieren wenn auf dem Spielplatz ein Mami ihr Kind an den Haaren zieht? Ist das Einmischung? Also hier in der Schweiz momentan wohl noch, da es ja gesetzlich nicht verboten ist. Wie kann ich mit der Mutter das Gespräch suchen?

Auch die Mutter, die ihr Kind auf dem Spielplatz körperlich angeht, hat Verwandte, Nachbarn, Freunde. Wenn wir alle in unserem näheren Umfeld darauf achten, wenn Kinder leiden, dann braucht niemand auf Grund einer Momentaufnahme ins Leben anderer Menschen eingreifen.
Falls die Situation - wie z.B. auf dem Spielplatz - passt, einfach ins Gespräch kommen. “Gerade anstrengend, oder? Wollen Sie einen Kaffee aus meiner Thermoskanne mit mir trinken?”

Lass uns mal über eine Alternative oder einen Zusatz zum Gesetz nachdenken! Da Tätlichkeiten gemäss meinen Gesprächen vielfach aus dem Alltagsstress, Überforderung und Hilflosigkeit entstehen, könnte man da den Eltern, Mamis ein wenig entgegenkommen – etwas abnehmen? Evtl. Kurse, welche die Eltern in den speziellen Phasen der Kinder unterstützen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein einmaliger Ausrutscher genauso behandelt wird, wie vorsätliches und regelmäßiges Schlagen. Sogar bei Mord gibt es ja Abstufungen, mildernde Umstände, Notwehr. Ich habe da durchaus Vertrauen in die Gesetzgebung.

Kursangebote oder Unterstützung ist natürlich gut. Ich fürchte nur, dass die wenige annehmen. Das wäre ja wieder ein Schwächeeingeständnis. Ich setzte da mehr auf Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von “Schau her. Alles voll normal, wenn Du mal ausrastest. Geht fast allen so.” Damit das Thema einfach salonfähiger wird. In meiner Kindheit war es noch mega peinlich, wenn jemand psychologische Hilfe in Anspruch genommen hat. Heute erzählen sich die Menschen auf Partys von ihren Burnouts. Ich glaube, das geht schon in die richtige Richtung, dass sich Mütter mehr und mehr öffnen und gegenseitig unterstützen. So nehme ich das wahr. Hingegen bieten Online-Kurse eine gute Alternative. Dort kann  anonym Wissen und Hilfe eingefordert werden. 

Danke vielmals Silvia für das informative und hilfreiche Gespräch! Hast du ein Angebot, einen Kurs oder ähnliches, von dem du unseren Leserinnen gerne erzählen möchtest?

Auf meinem Blog liest du in ganzen vielen Artikeln kommunikative Hilfestellungen im Alltag mit deiner Familie! Wie kann ich meine Gelassenheit bewahren. Die Artikel sind je nach Thema klassiert und so gut auffindbar:  http://silvia-streifel.de/lesestoff/!

Ich habe zudem einen Onlinekurs erstellt welcher sehr gut ankommt und eine gute Basis für die Kommunikation im Familienalltag bietet: http://silvia-streifel.de/landingpage-3x3/

Mit dem Code "mamabuero" erhältst du diesen Kurs noch günstiger! 

Auf meiner Facebookseite "Erfolgreiche Kommunikation für eigen-Sinnige Mütter" bin ich regelmässig live und beantworte aktuelle Fragen!

 

Danke vielmals Silvia für deine hilfreichen Antworten und das tolle Gespräch!!

 

Was du liebe Leserin, lieber Leser nun aktiv tun kannst??

  1. Gehe auf diese Seite und unterschreibe die Online-Petition: https://actionsprout.io/6B1A6A?source=eg
  2. Teile diesen Beitrag oder den Beitrag von chezmamapoule in deinen sozialen Medien mit dem #Niemalsgewalt
  3. Schreibe sms, emails usw. an deine Familie und Freunde mit dem Link zur Petition und bitte sie zu unterschreiben

Hast du Fragen, Anregungen, Ausführungen zum Thema? Melde dich mit einem Kommentar. Wir freuen uns!

Lieben Gruss

Fabienne

Mamabüro

Fabienne ist Mama von zwei Mädchen, Hausfrau, Puppenmacherin, Schäferin und Lebensliebhaberin! Sie liebt es zu Planen und hilft auch dir dabei, deinen Mamialltag zu strukturieren! Ihr Mambusiness findest du auf www.fadenkorb.ch!

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